Synchron-Gagen in Europa: Vier Systeme im Vergleich
Italien zahlt nach riga, Frankreich nach ligne, Madrid nach take, Deutschland nach Take — ohne Tarifvertrag. Die Sätze und die Verträge dahinter.

In Italien wird nach der riga abgerechnet, in Frankreich nach der ligne, in Madrid nach dem take, in Deutschland nach dem Take. Vier Märkte, vier Abrechnungseinheiten — und nur einer davon ohne Tarifvertrag. Diese Seite stellt zusammen, was in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich pro Einheit gezahlt wird, aus welchem Dokument die Zahl stammt und wie die Einheit selbst definiert ist.
Jede Zahl ist datiert und stammt aus dem jeweiligen Vertrag oder von dem Verband, der ihn veröffentlicht. Wo es sich um eine Marktkonvention statt um ein verhandeltes Minimum handelt — das ist der deutsche Fall — steht das ausdrücklich dabei.
Deutschland: Grundgage, Takegage und kein Tarifvertrag
Deutschland synchronisiert mehr fremdsprachige Inhalte als jeder andere europäische Markt und ist unter den vier großen Synchronmärkten der einzige ohne Flächentarifvertrag für Synchronschauspielerinnen und -schauspieler. Abgerechnet wird eine Grundgage pro Projekt plus eine Takegage pro gesprochenem Take, individuell verhandelt und orientiert an Empfehlungstabellen des Produzentenverbands BVDSP — die allgemeine Tabelle stammt von 2008, die Ensembletabellen wurden 2023 aktualisiert.
Weil es keinen Tarifvertrag gibt, gibt es auch kein verbindliches Minimum. Das von deutschen Sprecherinnen und Sprechern gepflegte Branchenwiki nennt als Untergrenze 52,50 Euro Grundgage und 2,60 Euro Takegage; als Standard setzen sich inzwischen 60,00 Euro und 3,00 Euro durch, nach oben frei verhandelbar und getrennt für Kino und TV. Dieselbe Quelle nennt zwei Stolperfallen, die in jeder Absprache geklärt gehören: Die Grundgage sollte pro Projekt und nicht pro Termin fällig werden, und manche Studios rechnen Takegagen erst ab dem elften Take ab, behandeln die ersten zehn Takes also als in der Grundgage enthalten.
Wie niedrig diese Sätze im Verhältnis zum Verwertungserfolg sind, haben Gerichte zweimal beantwortet. Im Fall von Marcus Off, der deutschen Stimme von Johnny Depp in den ersten drei Teilen von Fluch der Karibik, sprach das Kammergericht Berlin am 1. Juni 2016 eine Nachvergütung in Höhe des Zehnfachen der ursprünglich vereinbarten Gage zu, gestützt auf den Bestsellerparagrafen § 32a UrhG; der Bundesgerichtshof wies die Nichtzulassungsbeschwerde des Verwerters im April 2017 zurück. Am 12. Juli 2018 gab das Landgericht München I der Klage von Johannes Raspe statt, der deutschen Stimme von Robert Pattinson in der Twilight-Reihe, und stellte in derselben Entscheidung fest, dass die in der Synchronbranche üblichen Gagen seit jeher so niedrig sind, dass sie nicht als angemessen gelten können. Gegen die Berechnungsgrundlage des Gerichts für den Übererfolg kündigte die Klägerseite Berufung an.
Der InteressenVerband Synchronschauspieler (IVS), der beide Verfahren finanziert hat, argumentiert, die Gagen hätten sich seit Mitte der 1960er Jahre kaum verändert, und verweist auf den NDR-Tarifvertrag, dessen Synchrongagen er rund 300 Prozent über dem Branchenüblichen verortet. Das sind Zahl und Deutung des Verbands, formuliert 2018 von Vorstand Till Völger, zusammen mit dem Vorwurf, die Produzenten lehnten die Gründung einer Arbeitgebervertretung als Verhandlungspartner ab. Eine Gegenrechnung der Produzentenseite ist nicht veröffentlicht.
Der Kontrast zu den drei Nachbarmärkten ist deshalb kein Preisvergleich, sondern ein Strukturvergleich: Dort steht hinter jeder Zahl ein unterschriebenes Datum.
Was ein Take ist — und warum die Einheit den Preis bestimmt
Ein Take ist im deutschen Synchron eine spielbare Einheit von etwa zwei bis zehn Sekunden, in der Regel ein bis zwei Sätze, im Synchronbuch fortlaufend nummeriert. Er ist damit eine Einheit des Spiels. Die italienische riga und die französische ligne sind dagegen Einheiten des Textes: 50 Zeichen. Die spanische Abrechnung kombiniert beides — ein Honorar für den Termin plus einen Betrag pro Take.
Das ist mehr als eine Formalie. Zeichenbasierte Einheiten machen die Kosten von der Textdichte abhängig, spielbasierte Einheiten davon, wie das Dialogbuch geschnitten wurde. Nach fertiger Programmminute rechnet keines der vier Systeme ab — obwohl genau das die Kalkulationsgröße ist, die Auftraggeber meist im Kopf haben.
Italien: Turno, Riga und eine KI-Klausel im Vertrag
Italien hat seinen Branchentarifvertrag, den CCNL doppiaggio, am 6. Dezember 2023 erneuert — unterzeichnet vom Produzentenverband ANICA und den Gewerkschaften SLC-CGIL, FISTEL-CISL und UILCOM-UIL, nach fünfzehn Jahren Stillstand seit der Fassung von 2008. Der wirtschaftliche Teil trat zum 1. Januar 2024 in Kraft, die zweite Stufe zum 1. Januar 2025.
Seit dieser zweiten Stufe erhält ein Synchronschauspieler ein Anwesenheitshonorar (gettone di presenza) von 84,00 Euro je dreistündigem turno, dazu einen Zeilensatz nach Genre-Klasse:
- Fascia A — Einzelwerke: Kinofilme, Animationsfilme, Trailer — 2,50 Euro je Zeile
- Fascia B — lippensynchrone Serien: Serien, Sitcoms, Miniserien, Anime — 2,30 Euro je Zeile
- Fascia C — Soaps, Telenovelas, synchrone Dokumentationen, Doku-Reality — 1,75 Euro je Zeile; Serienanimation und Anime werden zu diesem Satz abgerechnet
- Fascia D — alles ohne Lippensynchronität — pauschal 100,00 Euro für die ersten 30 Zeilen, danach 0,75 Euro je Zeile
Dieselbe Tabelle sieht 230,00 Euro je Dreistundenturno für die Synchronregie und 130,00 Euro für die Regieassistenz vor; Dialogbuchautoren werden nach Programmminute bezahlt, von 36,00 Euro in Fascia A bis 13,00 Euro in Fascia D.
Eine riga ist keine gesprochene, sondern eine typografische Zeile. Der vom Dialogbuchverband AIDAC veröffentlichte Vertragstext definiert sie als höchstens 50 getippte Zeichen inklusive Leerzeichen, Satzzeichen und technischer Angaben, ohne den Figurennamen — 18 bis 20 davon passen auf eine Drehbuchseite. Bemerkenswert für die deutsche Debatte: Der italienische Vertrag ist der einzige der vier, der eine eigene Regelung zu künstlicher Intelligenz enthält, und die Fachpresse zum unterzeichneten Text beschreibt die Gagenerhöhung als Gegenleistung für eine Verlangsamung des Arbeitstempos.
Spanien: Convocatoria und Take, regional verhandelt
Spanien verhandelt Synchron regional. Maßgeblich für den größten Teil der international verkauften spanischen Fassungen ist das III Convenio Colectivo de Profesionales de Doblaje y Sonorización der Region Madrid, ausgehandelt mit der Synchrongewerkschaft ADOMA; Barcelona und Valencia haben eigene Verträge und eigene Sätze.
Der Madrider Gehaltsanhang für 2026 nennt für die Abrechnung nach Termin:
- Video: 50,05 Euro je allgemeiner Convocatoria plus 5,49 Euro je Take
- Kino: 66,75 Euro je allgemeiner Convocatoria plus 7,31 Euro je Take
- Casting- oder Probetermin für beliebige Produkte: 64,25 Euro
- Videospiele: 106,47 Euro für die erste angefangene halbe Stunde, 63,88 Euro für jede weitere
- Hörbücher: 82,77 Euro je angefangener halber Stunde für Sprecherinnen und Sprecher
Spanien ist zugleich der einzige der vier Märkte, der Synchronschauspieler in nennenswertem Umfang fest anstellt. Derselbe Anhang setzt für unbefristet Angestellte 1.950,20 Euro monatlich bei 14 Zahlungen an — 27.302,81 Euro im Jahr — und für Regie-Schauspieler 2.786,19 Euro monatlich, also 39.006,59 Euro jährlich.
Der Arbeitstag ist gedeckelt: Eine reguläre Convocatoria dauert höchstens sechseinhalb zusammenhängende Stunden, Montag bis Freitag. Samstage, Sonntage, Feiertage und Termine nach 22 Uhr werden mit 100 Prozent Zuschlag vergütet. Der Vertrag enthält inflationsindexierte Revisionsklauseln, weshalb die Madrider Sätze seit 2023 jeden Januar steigen — ein Mechanismus, den es in Deutschland mangels Vertrag nicht gibt.
Frankreich: die Ligne mit exakt 50 Zeichen
Frankreich regelt Synchrongagen in einem nationalen Gehaltsabkommen, dem accord national de salaires du doublage, unterzeichnet am 29. Juli 2004 und anwendbar mit der ministeriellen Allgemeinverbindlicherklärung. Es ist das strengste der vier: Stundensätze und Produktpauschalen sind ausdrücklich unzulässig, abgerechnet wird ausschließlich nach Zeile.
Das dem Abkommen beigefügte Lexikon definiert die ligne als 50 Zeichen — Buchstaben, Zeichen und Leerräume. Gezählt wird je Rolle, vollständig, durch eine einzige Software; ein Rest zählt als volle Zeile. Jede Rolle muss dafür eine eigene Bezeichnung tragen.
Die Vergütung läuft in Bändern. Bis 44 Zeilen gibt es ein Termin-Honorar für einen halben oder ganzen Tag, gestaffelt nach Band und Anzahl der Rollen; darüber gilt der Zeilensatz ab der ersten Zeile. Auf der letzten öffentlich einsehbaren Stufe des Rasters, dem 1. Januar 2008, lag dieser Satz bei 6,22 Euro je Zeile für Kinoauswertung und 5,91 Euro für nationales Fernsehen, mit einer Degression oberhalb von 101 Zeilen — im Fernsehen 6,26 − N/288, wobei N die Zeilenzahl ist, und einer steileren Kurve für Serien ab 52 Folgen. Diese Spalten sind alt: Die Struktur gilt unverändert, die Beträge wurden seither nachverhandelt und sind nicht öffentlich einsehbar.
Die zweite Hälfte des französischen Systems ist die DAD-R-Konvention, die Auswertungsvergütungen zusätzlich zum Termin-Honorar vorsieht. Bemessungsgrundlage dieser Rechte ist genau dieses Gehaltsraster — und nur wer es anwendet, erwirbt die Rechte wirksam. Das ist der Hebel, der französische Studios davon abhält, still auf Pauschalen umzustellen. Deutschland kennt eine funktional vergleichbare Konstruktion nur als nachträglichen Anspruch über § 32a UrhG, also erst vor Gericht.
Hundert Zeilen, vier Preise
Die Einheiten sind nicht deckungsgleich, der folgende Vergleich zeigt also Strukturen und keine Kaufkraft. Es ist schlichte Rechnung auf Basis der veröffentlichten Mindestsätze für einen Tag Serienarbeit, eine Rolle, 100 Zeilen beziehungsweise Takes, vor Sozialabgaben, Agenturprovision und Auswertungsrechten:
- Italien, Fascia B: 84,00 Euro Anwesenheitshonorar + 100 × 2,30 Euro = 314,00 Euro
- Frankreich, nationales Fernsehen, Stand 2008: 100 × 5,91 Euro = 591,00 Euro, zuzüglich DAD-R-Rechte
- Spanien, Madrid, Video: 50,05 Euro Convocatoria + 100 × 5,49 Euro = 599,05 Euro
- Deutschland, Marktkonvention 60,00 / 3,00 Euro: 60,00 Euro + 100 × 3,00 Euro = 360,00 Euro
Ein deutscher Take enthält häufig mehr Text als eine 50-Zeichen-Zeile, die deutsche Spalte kauft also mehr gesprochenen Text, als die Zahl vermuten lässt. Was den Vergleich übersteht, ist nicht der Preis, sondern die Verbindlichkeit: Drei dieser Zahlen sind einklagbare Mindestsätze mit Datum und Unterschrift. Eine ist Gewohnheit.
Warum die Abrechnungseinheit bei KI zum Streitpunkt wird
Alle vier Systeme bezahlen eine Leistung, die in Skripteinheiten gemessen wird. Ein synthetischer Durchlauf über dieselbe Folge erzeugt keine righe, keine lignes und keine Takes, die sich abrechnen ließen. Deshalb ist die Auseinandersetzung um KI im Synchron immer zugleich eine über Einwilligung und eine über die Vergütungsstruktur. Italien hat die Antwort in den Vertrag geschrieben, Deutschland verhandelt sie mangels Vertrag Klausel für Klausel in Einzelverträgen — den Stand dazu führen wir im Beitrag zur KI-Klausel im Synchronstreit fort.
Für alle, die unterschreiben, zählt weniger der Satz als sein Umfang. Eine Takegage, die zugleich Training oder Synthese lizenziert, ist ein anderes Produkt als eine Takegage für eine Aufnahme — unabhängig davon, welche Zahl daneben steht. Welche Rechte überhaupt bestehen, haben wir im Ländervergleich zum Recht an der eigenen Stimme aufgeschlüsselt, was für synthetische Nutzungen gezahlt wird, steht in unserer Übersicht zu KI-Stimmen-Lizenzen.
Was das für Auftraggeber heißt
Kalkulieren Sie vom Buch her, nicht von der Laufzeit. Lassen Sie sich vor dem Preis die Zeilen- oder Take-Zahl geben, denn genau diese Zahl multiplizieren alle vier Systeme. In Spanien gehört die Frage dazu, welcher regionale Vertrag gilt. In Frankreich kommen Auswertungsrechte auf das Termin-Honorar obendrauf. In Deutschland sollten Grund- und Takegage schriftlich festgehalten werden, weil sie nichts außerhalb des Vertrags fixiert.
Sprecheraufträge außerhalb der Lippensynchronität — Erklärfilm, Imagefilm, E-Learning, Werbung — folgen einer anderen Logik: Dort bestimmen Nutzung und Lizenzdauer den Preis, nicht die Zeile. Für solche Projekte kalkuliert Voicfy pro Projekt mit muttersprachlichen Stimmen, und ein Projekt ist in wenigen Minuten gebrieft.
Ähnliche Artikel
Voicfy
Ready to hire a voice actor?
Post a brief, receive quotes from curated native talent, and get broadcast-ready audio within 48 hours.
Post a Project


